Die Rolle Horst Schibulinskis ist für die vorliegende Untersuchung vor allem deshalb aufschlußreich, weil dieser als Mitglied einer offiziellen DDR-Delegation die Unterlagen Emil Ranzenbiehlers bezüglich der Rohstofflagerstätten am Berliner Stadtrand wohl 1978 im sibirischen Akademgorodok erstmals wieder einsehen konnte. Diese Unterlagen wurden dort im Geologischen Institut der damaligen Akademie der Wissenschaften der UdSSR aufbewahrt. Die hierin beschriebene  Lagerstätte war für die Sowjetunion auch deswegen von höchstem Interesse, weil dabei auch ein Vorkommen von Pechblende, aus dem bekanntlich Uran gewonnen werden kann, beschrieben wird. Die Sowjetunion deckte nach dem Krieg ihren Bedarf für die nukleare Rüstung und die zivile Brennstabproduktion fast vollständig durch die rücksichtslose Ausbeutung der entsprechenden Vorkommen in Sachsen und Thüringen, wo unter dem verschleiernden Namen Wismut AG ein unter sowjetischer Militärkontrolle stehendes Unternehmen tätig war. Ab den 1960er Jahren wurde dann die DDR wirtschaftlich einbezogen und das Unternehmen firmierte jetzt unter der Bezeichnung SDAG Wismut (Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft). In diesem Zusammenhang muß auch die Einblicknahme von DDR-Funktionären in die, das Territorium der DDR betreffenden, geologischen Unterlagen gesehen werden.

Abschlußfeier der SED-Delegation mit sowjetischen Genossen in Nowosibirsk Schibulinski ganz rechts hinten, 1978

Horst Schibulinski wurde 1942 in Pommern geboren. Nach Schule und freiwilligem Armeedienst trat er beizeiten in die SED ein und strebte alsbald eine Parteikarriere an, nachdem er die Eignungstests für ein Medizinstudium nicht bestanden hatte. Er besuchte dann die SED-Parteihochschule in Berlin und wurde Anfang der 1970er Jahre Mitglied der Ostberliner SED-Kreisleitung Lichtenberg. Nachdem er mehrfach wegen Alkoholproblemen und Devisenvergehen aufgefallen war, wurde er als Sekretär für Agitation und Propaganda in die SED-Kreisleitung Strausberg versetzt. In dieser Position war er Mitglied der DDR-Delegation, die im Mai 1978 im Zuge einer sogenannten Freundschaftsreise die Sowjetunion besuchte, unter anderem auch das südlich von Nowosibirsk gelegene Wissenschaftsareal Akademgorodok. Wohl auf Grund seiner vermeintlich regionalen Zuständigkeit wurden ihm dort die oben genannten Unterlagen kenntlich gemacht. Schibulinski durfte wohl einige Kopien mit zurück in die DDR nehmen und versuchte in der Folge mehrfach im DDR-Wirtschaftsministerium und bei verschiedenen Gremien der Partei, unter anderem auch mittels eines Schreiben an den SED-Wirtschaftssekretär Günter Mittag, für eine ökonomische Ausnutzung der Kupfererzvorkommen zu werben. Nicht zuletzt erhoffte er sich damit einen Karrieresprung innerhalb der Partei.

Die sibirische Wissenschaftsstadt Akademgorodok, etwa Mitte der 1970er Jahre